Beim ersten Mal gleich ein Fünfer
Roger Hofer lacht herzlich. Gerade hat er die Firma Carrosserie & Spritzwerk Hallauer in Wohlenschwil betreten. Hofer, braungebrannt, Gel in den schwarzen Haaren, versucht den Geschäftsführer Michael Hallauer von seinem Vorhaben zu begeistern. Dieser sitzt mit gefalteten Händen an seinem Bürotisch. Er schielt zu Roger und ist nach wenigen Minuten wohl selber überrascht, dass er Hofer noch nicht wieder aus seinem Büro weggeschickt hat.
Judo goes Orient | Team #85
Roger Hofer, Andreas Schmid, Rafael Zimmermann, Benjamin Wey, Roland Briner und Fabian Koch sind Teilnehmer der elften Allgäu-Orient-Rallye, die sich seit 2006 jedes Jahr auf den Weg macht, um von Südbayern in den Orient zu rauschen. Die Regeln sind einfach: Es dürfen nur Autos antreten, die mindestens 20 Jahre alt sind oder höchstens 1‘111 Euro gekostet haben. Für Übernachtungen darf nicht mehr als 11.11 Euro im Durchschnitt ausgegeben werden. Die Benützung von Mautstrassen und Autobahnen ist tabu und navigiert wird ausschliesslich mit Strassenkarten und Strassenschildern. Es sind allerdings nicht nur die abenteuerlichen Erlebnisse, die das Team Judo goes Orient | Team #85 dazu animieren, sich diesen Strapazen zu stellen. Im Vordergrund stehen ebenso die karitativen Projekte, die es auf dem Weg in den Orient zu erfüllen gilt sowie die zwischenmenschlichen Begegnungen und Momente dieser Reise.
In Ihren Vorbereitungen sind die sechs Judokas des Judo und Aikido Clubs Wohlen bereits weit fortgeschritten. Nun möchten sie ihre längst erworbenen Autos einheitlich lackiert haben. Dafür ist Roger an die Firma Carrosserie & Spritzwerk Hallauer nach Wohlenschwil gelangt.
Hofer ist ohne Frage ein guter Verkäufer. Seine Waffe: das Lachen. Er beherrscht es wie Zimmerleute ihre Hände und Fussballer ihre Beine. Bald strahlt er verschmitzt, bald freundlich, bald beruhigend, bald kumpelhaft. Hofer witzelt mit jedem, ist gleich per du und bietet auch schon mal einen Kaffee an, obwohl er überhaupt nicht der Gastgeber ist. Und Hallauer gehört zu jenen Typen, die sich trotz Skepsis keiner Sache verschliessen. Hallauer lässt sich vom Vorhaben des Rallye-Teams begeistern und sieht im Projekt der Umlackierung der Rallye-Autos eine Chance, seinen Lernenden die Gelegenheit zu geben, sich ohne grosse Folgen an echten Autos zu üben. Er verspricht, sich der Sache anzunehmen.
Es ist der 7. Dezember 2015. Michael Hallauer erklärt seinen Lernenden Edjon Ramaj und Granit Arifi ihre Aufgabe für die nächsten Tage. Hallauer mag zwar Autos, aber er ist auch Unternehmer. Deshalb will er die drei Autos für diesen Zweck mit möglichst wenig Aufwand in möglichst auffällige Rallye-Wagen verwandeln. Und die Lehrlinge mögen ebenfalls Autos, sind allerdings keine Fanatiker. Und sie sehen keinen Sinn dahinter, die drei alten Autos neu zu lackieren. Eigentlich möchten sie lieber anderes tun. Aber wenn sich der Lehrmeister etwas in den Kopf gesetzt hat, ist dem wenig entgegenzusetzen. Den Lernenden erschliesst sich der Sinn und Zweck dieses Projekts erst nach und nach; umso mehr, als wohl deren Vorstellungen über die drei Rallye-Boliden etwas PS-intensiver ausgefallen sein dürfte. Aber der Lehrmeister ist eben oft der erste und letzte, der einem jungen Mann etwas sagen kann.
8 Tage Arbeit für drei Autos
Und so geben sich Ramaj und Arifi trotzdem mit viel Enthusiasmus der Sache hin. Rund 22 Stunden benötigen sie pro Auto für das Anschleifen der alten Farbe, das Abdecken der Scheiben, Zierstäbe und Türfalten und die anschliessende Lackierung. Um das Projekt möglichst zeitnah zum Abschluss zu bringen, werden die beiden BMWs im Spritzwerk in Tägerig und der Passat im Spritzwerk in Wohlenschwil lackiert. Und wer die Blicke der angehenden Lackierer am Ende ihrer Arbeit sah, wusste, sie sind schon ein bisschen stolz. Auf sich selber und auf den Chef. Dass sie nicht aufgegeben haben und dass der Chef ihnen diese Übungsmöglichkeit bot. Sie werden dieses Projekt wohl nicht so schnell wieder vergessen. Zumindest einer der beiden: Es war sein erstes Mal, dass er ein Auto selber spritzen durfte. Es war ein BMW Fünfer. Und das erste Mal vergisst man kaum.
Ein paar Tage später, am 23. Dezember 2015, stehen Roger, Roli, Andi und Michael Hallauer auf dem Parkplatz vor dem Spritzwerk in Tägerig. Es ist Mittwoch, Weihnachtsferien zwar, aber für das Team Judo goes Orient ein wichtiger Tag. Bis heute haben sie ihre frisch lackierten Autos noch nie gesehen. Kaum haben sie sie zu Gesicht bekommen, sagt es Roger zum ersten Mal. Man braucht nur seine Stimme zu hören und weiss doch, er strahlt wie ein Schulbub. Nein, es muss jetzt einfach noch einmal heraus: „Das ist eine grossartige Arbeit der Lernenden und eine riesiges Entgegenkommen der Firma Hallauer gegenüber dem Team Judo goes Orient. Danke!“
Das Projekt der Firma Hallauer und seiner Lernenden war ein Erfolg. Aber Erfolge erzählen nie die ganze Geschichte, nur das Ende, und sie reichen nicht, um zu verstehen, warum die Hartnäckigkeit des Lehrmeisters derart wichtig sein kann: Ein Chef, der seinen Lernenden nicht lehrt, dass Erfolg das Ergebnis harter Arbeit ist, der prägt sie zu wenig umfassend. Erfolg ohne harte Arbeit, das ist ebenso selten wie Stolz ohne Hingabe.